Die Blockchain kann viele Probleme des Gesundheitssystems lösen

Das Gesundheitswesen: Unendliche Weiten…

Das Gesundheitswesen ist ein unübersichtliches Gebilde: Eine Vielzahl unterschiedlichster Interessengruppen, intensive staatliche Regulierung, großer medizinischer Fortschritt sowie komplexe Finanzierungsmodelle machen es schwer, über „Lösungen“ zu diskutieren.

Die Komplexität drückt sich in der großen Zahl der Beteiligten aus (hier am Beispiel des deutschen Gesundheitssystems):

  • die Leistungsempfänger, also die zu untersuchenden oder zu behandelnden Personen;
  • die Leistungserbringer, also die Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Therapeuten und das Pflegepersonal (die diesen Begriff übrigens meist nicht mögen);
  • die Leistungsfinanzierer, also die Selbstzahler, die (freiwillig, privat und gesetzlich) Versicherten und die Arbeitgeber;
  • die Leistungszahler oder Kostenträger, also die Selbstzahler, die gesetzlichen Krankenkassen (aktuell 113), die privaten Versicherungen, die kassenärztlichen und kassenzahnärztlichen Vereinigungen sowie die staatlichen Beihilfestellen;
  • der Staat mit seinen Ländern, Kommunen und Regulierungs- und Überwachungsämtern;
  • viele Interessenverbände von allen Seiten;
  • und last but not least die Wissenschaft.

Gesundheitssysteme stehen weltweit unter Kostendruck

Trotz großer Unterschiede in Konzept, Leistung und Finanzierung sind die verschiedenen nationalen Gesundheitssysteme mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert. Die EU-Kommission hat 2001 drei gemeinsame Ziele für Gesundheitssysteme in der EU definiert:

  1. Zugang für alle
  2. Hohe Qualität
  3. Langfristige Finanzierbarkeit

In fast allen Industrieländern wachsen die Ausgaben für das Gesundheitswesen schneller als das Bruttoinlandsprodukt (in Deutschland lag der Anteil 2014 bei 11,2 Prozent), vor allem aufgrund der längeren Lebenserwartung der Menschen und eines gleichzeitig steigenden Qualitätsanspruchs. Es ist somit unstrittig, dass die Frage der Finanzierbarkeit – also das 3. EU-Ziel – der Dreh- und Angelpunkt für eine Lösung ist, die die Ziele 1 und 2 berücksichtigt.

Es gibt in diesem Zusammenhang zwei gute Nachrichten: Die erste ist, dass vermutlich alle Gesundheitssysteme der Welt, auf jeden Fall auch das deutsche, in vielen Bereichen ineffizient und ineffektiv gestaltet sind und viele Möglichkeiten bieten, Kosten einzusparen. Die zweite gute Nachricht ist, dass der medizinisch-technische Fortschritt die Chancen auf ein längeres und gesünderes Leben kontinuierlich erhöht.

Digitale Vernetzung ist immer noch in weiter Ferne

Um aber einerseits die „Produktivitätsreserven“ eines Gesundheitssystems zu heben und andererseits die technologischen Möglichkeiten bestmöglich zu nutzen, ist eines von essenzieller Bedeutung: Die digitale Vernetzung aller Beteiligten im System.

Durch die immer noch mangelhafte Vernetzung im deutschen Gesundheitswesen werden nicht nur Milliarden Euro verschwendet, sondern auch vermeidbare Behandlungsfehler verursacht. Wertvolle Daten für die klinische Forschung liegen heute ungenutzt in Kliniken und Arztpraxen brach. Eine intelligente Vernetzung würde das Gesundheitssystem leistungsfähiger machen und Kosten einsparen – darin sind sich alle Experten einig.

Warum sind wir diesem Ziel immer noch so weit entfernt? Die Diskussion um die elektronische Gesundheitskarte, die eigentlich 2006 eingeführt werden sollte, mehr als fünf Jahre später kam und sich bis heute praktisch kaum von der alten Krankenversichertenkarte von 1995 unterscheidet, ist symptomatisch für das Problem. Der Vorsitzende der größten gesetzlichen Krankenkasse hat die Idee der elektronischen Gesundheitskarte im Oktober 2016 als „tot“ bezeichnet.

Welche Probleme müssten gelöst werden?

Die Herausforderung beginnt bei der benötigten zentralen Instanz: „Jemand“ muss das Netzwerk, dem alle vertrauen sollen, betreiben und dafür sorgen, dass der Datenaustausch einwandfrei gemanagt wird. Der Betrieb dieses Netzwerks verursacht hohe Transaktionskosten für die Beteiligten, was die Teilnahme am Netzwerk unattraktiv macht. Ein weiteres Problem ist die Implementierung einer zentralen Patientenakte mit sensiblen Gesundheitsdaten: Die Akte muss für alle Beteiligten zugänglich und stets aktuell sein, aber der Patient soll jederzeit die Kontrolle darüber behalten, wer welche Aktionen ausführen und welche Daten sehen kann. Erschwert wird das Ganze durch inkompatible Systeme und Datenstandards bei den Beteiligten.

Insgesamt stellt sich zudem die Frage nach einem einheitlichen Regelwerk für den Datenzugriff, das alle Beteiligten konsistent und nachvollziehbar befolgen. Zu guter Letzt wäre es wünschenswert, wenn der einfache und aktuelle Zugang zu anonymisierten Gesundheitsdaten der Bevölkerung durch die Wissenschaft ermöglicht wird, um die klinische Forschung zu unterstützen. Es geht also bei der Vernetzung im Gesundheitswesen um mehr als „nur“ den vielfach genannten Datenschutz, auch wenn dieser bei allen genannten Aspekten eine zentrale Rolle spielt.

Wie kann die Blockchain dabei helfen?

Für die Bearbeitung der genannten Probleme gibt es bisher keine zufriedenstellende Lösung. Vor allem das Thema der Datenhaltung auf zentral zugänglichen Servern führt zu breiter Ablehnung einer weiteren Vernetzung – viele sind vor dem Hintergrund zahlreicher Datenskandale der jüngeren Zeit der Meinung, dass die Sicherheit schlicht nicht gewährleistet werden kann. Die Blockchain-Technologie bietet nun aber einen Ausweg aus diesem Dilemma:

  1. Es wird keine zentrale Instanz mehr benötigt, die das Netzwerk betreibt und der alle vertrauen müssen: an diese Stelle tritt die offene und dezentral implementierte Blockchain.
  2. Hohe Transaktionskosten können vermieden werden: die Blockchain ist schneller und günstiger als „herkömmliche“ Systeme.
  3. Eine zentrale Patientenakte, die vom Patienten kontrolliert wird, ist realisierbar: digitale Patientenidentitäten können durch öffentliche und private Schlüssel kryptographisch gesichert werden.
  4. Inkompatible Systeme stellen kein Problem mehr dar: die relevanten Daten werden von allen Beteiligten in der dezentralen Blockchain gespeichert und aktualisiert.
  5. Die Durchsetzung eines für alle gültigen Regelwerks ist möglich: Smart Contracts sorgen für konsistente und regelbasierte Verfahren.
  6. Daten für klinische Studien sind verfügbar: die Blockchain sorgt für einen sicheren Zugang unter Wahrung der Anonymität der Patienten.

Zugegeben: Dies sind erst einmal nur theoretische Lösungen, und hinter jedem Lösungsansatz verbergen sich selbstverständlich viele Fragen und potenziell neue Probleme. Es handelt sich aber keineswegs um eine Utopie: Die Blockchain-Technologie hat sich bereits in vielen Bereichen bewährt und wird in hohem Tempo weiter entwickelt. Sie bietet den dringend benötigten Weg zu einem vernetzten Gesundheitssystem. In Teil 2 dieser Serie beschreiben wir einen Ansatz, wie eine Implementierung der Healthcare-Blockchain aussehen könnte.



Autor: Martin Breitsprecher
Seit über 10 Jahren Gründer, Unternehmer und Berater in der Healthcare- und IT-Branche.